Alltagsgeschäft

Ich bin erschrocken über die Ignoranz oder Gleichgültigkeit vieler Menschen.

Auf dem Bürgersteig hält sich ein Mann an einem Laternenpfahl fest. Er sackt langsam, fast in Zeitlupe, zusammen und liegt ausgestreckt quer über dem Bürgersteig.

Ein Auto fährt vorbei, der Fahrer gafft. Ein zweites Auto fährt vorbei, der Fahrer gafft. Ein drittes Auto fährt vorbei, beinahe knallt der Fahrer gaffend in den noch immer gaffenden Vordermann. Ein Radfahrer donnert vorbei und flucht laut. Eine Frau mit Kinderwagen weicht über die Straße aus und schiebt ihr zweites Kind dabei noch weiter auf die Straße, weg von dem bösen Mann, der nun versucht, sich aufzusetzen, was ihm nicht gelingt. Aus der Tankstelle, vor der der Mann liegt, schaut man sensationsgierig aus dem Fenster.

Endlich bietet sich auf der vierspurigen Straße eine Gasse, ich überquere die Straße. Der Mann kann nicht aufstehen, brabbelt nur vor sich her, seine Wunden an den Beinen zeigen, dass er gerade nicht zum ersten Mal hingefallen ist. Ich weiß mir und ihm auch nicht zu helfen und rufe den Rettungsdienst. Quälend lange versuche ich den Mann dazu zu bewegen, einfach sitzen zu bleiben, statt ständig zu versuchen aufzustehen und wieder hinzufallen.

Weitere Passanten und Radfahrer laufen vorbei, tuscheln, schimpfen. Nach helfen ist keinem zumute, lieber hat man gute Ratschläge zur Hand. „Der soll halt nicht so viel saufen“ [Alkohol konnte ich nicht riechen]. „Pass auf dass du dich nicht ansteckst“ [Ich werd ihm schon nicht die blutenden Wunden ablecken]. „Platz da ihr Idioten, müsst ihr das unbedingt auf dem Radweg machen“ [Ja!].

Wie sehr sich drei Minuten zur Ewigkeit dehnen können, wenn man eigentlich gar nicht weiß, was man machen soll. Immerhin weiß ich nun, gut drei Minuten dauert es in Bamberg, bis 2 Polizeistreifen, 1 Notzarzt und 1 RTW fast zeitgleich vor Ort sind, wenn jemand Hilfe braucht. Und das im Feierabendverkehr.

Und eigentlich möchte ich gar nicht über jene Schimpfen, die nicht helfen wollten oder konnten, sondern nur jenen Danke sagen, für die das Helfen ein solches Alltagsgeschäft ist, dass sie gar nicht mehr wahrnehmen, wie schwer es für Otto Normalhorst sein kann, genau das zu tun.

Danke.

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